Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Eindrücklicher Stummfilm mit Orchsterbegleitung im «Löwen»

Am Sonntagabend zeigte die Mittwochgesellschaft Meilen den Stummfilm «The Mysterious Lady» in einer Neuvertonung von Armin Brunner mit Live-Orchester im Gasthof Löwen. 135 Neugierige, Film-Nostalgiker und Garbo-Fans wollten sich das nicht entgehen lassen.

 

  • «Sinfonia» (Zusammenklang) ist das Motto des Instrumental-Ensembles von Christof Escher. Konzertmeisterin ist Anna Brunner (Primgeigerin des bekannten Amar Quartetts); Cellistin Cécile Grüebler ist eine Meilemerin. Foto: MAZ

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«Das ist doch langweilig!» könnte eine der Antworten sein auf die Frage: «Kommst Du mit, um einen Stummfilm anzuschauen?» – Das heutige Kino versucht seine Zuschauer mit immer besserer Technik in eine Geschichte hinein zu ziehen. Im 4DX-Kino wird man in alle Richtungen bewegt, am Rücken und an den Beinen gekitzelt, mit Luft und Wasser beschossen, mit Blitzen geblendet, eingenebelt und mit Düften besprüht. 

Renaissance des Stummfilms nicht nur für Nostalgiker

Was bewog also die Leute, am Sonntagabend in den «Löwen» zu kommen und sich einen Film in Schwarzweiss, ohne Ton und ohne jegliche Spezialeffekte anzusehen?

Das Publikum bestant vor allem aus älteren Menschen. Einige kamen, weil sie Greta Garbo oder nostalgische Filme lieben. Manche nutzten die seltene Gelegenheit, einen Stummfilm mit Live-Orchester zu sehen. Ein älterer Mann erzählte, dass seine Eltern immer von der Garbo geschwärmt hätten und er deshalb hier sei. Eine 94-jährige Frau erklärte, dass der erste Film, den sie im Kino gesehen habe, «Königin Christine» mit Greta Garbo in der Hauptrolle war. Diese Schauspielerin bedeute ihr deshalb sehr viel. Und ein Stummfilm sei sowieso gut für sie, weil sie nicht mehr gut höre... Eine Frau mittleren Alters sagte, sie sei von Greta Garbo fasziniert und schaue sich jeden Stummfilm mit ihr in der Hauptrolle an: «Sie braucht keine Stimme! Ihre Mimik ist einzigartig!», so ihr Fazit.

In der Filmwelt ist von einer Renaissance des Stummfilms die Rede. Das ist auch in der Schweiz spürbar. «Solche Anlässe wie heute werden längst nicht mehr nur von Liebhabern und Experten besucht», sagt Armin Brunner. «Die äusserst suggestive Bildsprache des Stummfilms fällt auf eine Publikumsbereitschaft und Begeisterung, die umso höhere Wellen schlägt, je überzeugender sich der stumme Film mit der live vor der Leinwand gespielten Musik verbindet». 

Filmmusikalische Meilensteine

Armin Brunner, einst Musikchef des Schweizer Fernsehens, hat sich europaweit einen Namen gemacht als Komponist und Bearbeiter berühmter Stummfilme. Seine Neuvertonungen von «Nosferatu», «Wilhelm Tell», «Panzerkreuzer Potemkin», «Rosenkavalier» oder «Carmen» gelten als filmmusikalische Meilensteine. Mit Christof Escher, dem Dirigenten des Orchesters, verbindet ihn die Leidenschaft für Stummfilme. Brunner selber sagt, es sei ein Glücksfall gewesen, dass sie sich gefunden haben. Dass sie beide in Zollikon wohnen, ist für die gemeinsame Arbeit ein grosser Vorteil. Und vor fünf Jahren haben die beiden gemeinsam entschieden, jedes Jahr mit einem Stummfilm auf Tournee zu gehen.

Für 2018 hat Armin Brunner nun also den 1928 entstandenen Greta-Garbo-Film «The Mysterious Lady» in der Manier der Stummfilmzeit neu vertont. Es ist ihm gelungen, den Film und die Musik zu einer mitreissenden Einheit zu verbinden, indem ein Sog entsteht, der einen packt und nicht mehr loslässt. 

Auch etwas für junge Menschen

Es sei zwar schwierig, junge Leute davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, einen Stummfilm anzusehen, sagt Escher. Er erzählt aber auch, dass sich viele Besucher nach dem Film bei ihm bedanken. Vor allem jene, die noch nie einen Stummfilm gesehen haben, «packe» es oft bereits beim ersten Mal. «Es gibt Leute, die noch nie an einem klassischen Konzert waren und sich dann durch die Aufführung von der Musik begeistern lassen, andere kommen wegen der Musik und sind schliesslich genauso fasziniert vom Film.» 

Nächste Veranstaltung der Mittwochgesellschaft: Mitgliederversammlung am Mittwoch, 14. März, 18.30 Uhr im «Löwen», Meilen.

xeiro ag