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Begegnung mit Filmregisseur Rolf Lyssy

1966 erregte der Film «Ursula oder das unwerte Leben» grosses Aufsehen. Mehr als 40 Jahre später drehte der Schweizer Regisseur Rolf Lyssy eine Fortsetzung.

  • Filmregisseur Rolf Lyssy mit der Organisatorin des Abends, Pfarrerin Jacqueline Sonego Mettner. Foto: zvg

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Der Film von 1966 zeigte am Beispiel der damals 14-jährigen, taubblind geborenen Ursula die Pionierarbeit Mimi Scheiblauers auf dem Gebiet der Heilpädagogik auf. 

Der seit den «Schweizermachern» sehr bekannte Schweizer Filmregisseur Rolf Lyssy widmete der unterdessen 60 Jahre alt gewordenen Ursula und ihrer Pflegemutter Anita Utzinger einen zweiten Film. 2011 kam «Ursula – Leben in Anderswo» ins Kino – mit mässigem Erfolg, wie der Filmregisseur mit entwaffnender Bescheidenheit anmerkte. 

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «anders» der reformierten Kirche erlebten die zahlreichen Anwesenden einen eindrücklichen Filmabend, wobei schwierig zu sagen ist, ob der Film oder die Anwesenheit des Regisseurs mehr beeindruckte. Der Abend besass eine stille Würde, die niemanden unberührt liess.

Entstehungsgeschichte des Films

Der Regisseur schilderte zunächst, wie es überhaupt zu diesem zweiten Film kam. 2009 fragte ihn Ursulas Pflegemutter Anita Utzinger an, ob er ihr eine DVD des früheren Films beschaffen könne. Diese Wiederbegegnung nach 46 Jahren weckte bei Lyssy das Interesse, einen neuen Dokumentarfilm zu drehen. Zögernd war die Betreuerin einverstanden. 

Der Film streift nochmals kurz die frühe Jugend Ursulas. Drei Tage nach ihrer Geburt wurde sie von ihrer 17-jährigen Mutter verlassen. Damit schien das Schicksal des kleinen Mädchens besiegelt. Ein Leben von Heim zu Heim stand bevor. Diese Aussicht verstärkte sich, als mit etwa acht Monaten klar wurde, dass das Mädchen taubblind und nach damaliger Ansicht bildungsunfähig sei. Von «Idiotie» war die Rede. Die Ärzte sprachen von geringer Lebenserwartung. Es kam anders.

Ein rettender Engel

1958 begegnete die Heilpädagogin Anita Utzinger im Heim Moos in Wolfertswil der kleinen Ursula, die ihr bisheriges Leben fast ausschliesslich im Bett liegend verbracht hatte. Anita Utzinger hatte nach einer Ausbildung als Lehrerin für Seh- und Hörbehinderte ein Praktikum bei der weltberühmten, selbst taubblinden Helen Keller in Perkins und weitere Studien in den USA absolviert. Sie nahm Ursula zu sich. Ihre Eltern halfen aus, wenn sie ihrer Berufstätigkeit nachging. Sie reiste mit Ursula in die USA, wo dem Mädchen praktische Bildungsfähigkeit zugesprochen wurde. Dank diesem Gutachten erhielt Ursula endlich eine Unterstützung durch die Invalidenversicherung.

Stille Heldin des Alltags

Wenn man von einer Heldin sprechen müsste, fiele einem die Wahl schwer, ob Ursula oder Anita Utzinger diesen Titel verdiene. Die Betreuerin muss beinahe übermenschliche Kräfte besitzen. Mit unglaublicher Selbstverständlichkeit hat sie während 50 Jahren Ursula als Menschen wahrgenommen und gefördert. Im ganzen Film fällt über das Geleistete nie ein Wort des Stolzes oder der Klage. Da ist keine frömmlerische Verbrämung mit im Spiel, sondern einfach gelebte Menschlichkeit. 

Und Ursula?

Wer den ersten Film gesehen hat, erschrickt schon ein wenig über die Gebrechlichkeit der 60-Jährigen. Aber sie hat dank der Hingabe und Ausdauer der Betreuerin längst sitzen, gehen, selbständig essen, Schuhe anziehen und kleine Handreichungen erlernt. Erstaunlich, wie sie – bei totaler Taubheit – offensichtlich doch einzelne Wörter von vertrauten Menschen wahrnimmt, etwa wenn die Betreuerin sie herruft. Wie unheimlich viel Geduld für den kleinsten Fortschritt nötig war und ist, lässt sich nur erahnen. 

Unterdessen ist Anita Utzinger selbst gehbehindert. Schweren Herzens und mit Heimweh musste sie Ursula fremder Hilfe anvertrauen. Zum Glück hat diese in der «Tanne», dem Kompetenzzentrum für Hör- und Sehbehinderte, Aufnahme und verständige, gut ausgebildete Pflegerinnen und Pfleger gefunden. Aber jede Woche verbringt sie einen Tag im Haus ihrer «Mutter». Wohl nur die unmittelbare Umgebung versteht die subtilen Äusserungen von Wiedersehensfreude und Anhänglichkeit, die für Aussenstehende kaum wahrnehmbar sind.

Eigentlich ein Liebesfilm

Filmemacher Rolf Lyssy verliess für einen Abend die Solothurner Filmtage, um mit den Anwesenden in Meilen zu diskutieren. Er hat, wie eine Frau treffend bemerkte, die Schwierigkeit meisterhaft bewältigt, eine Behinderung zu zeigen, ohne die betroffenen Menschen dabei vorzuführen. 

Bleibt die Frage, warum der Film, als er im Kino gezeigt wurde, kein grösseres Echo auslöste. Anita Utzinger erzählt, wie man ihr in einem Hotel nahelegte, den Aufenthalt abzubrechen, weil der Anblick des behinderten Mädchens die Gäste störe. Wer ins Kino geht, will Action und einen hoffnungsvollen Ausgang sehen. Eine Behinderte, die im Zentrum steht, stört auch hier. So bleibt der Film eher ein Geheimtipp für Pflegepersonen und Besucherinnen und Besucher, denen das Schicksal von schwerstbehinderten Menschen und die aufopfernde Hingabe von Betreuenden nicht fremd sind. Zu Recht meinte Rolf Lyssy, es handle sich eigentlich um einen Liebesfilm. 

xeiro ag