Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Aufstehen und einstehen – doch wofür?

Am vergangenen Samstagmorgen haben sich Regierungsrätin Jacqueline Fehr, Professor Matthias Zeindler, Filmemacher Theo Haupt und Pfarrerin Verena Mühlethaler im Jürg-Wille-Saal des Löwen über die Reformation unterhalten. Geleitet wurde das Gespräch von Pfarrerin Jacqueline Sonego Mettner.

  • Regisseur Stefan Haupt, Pfarrerin Verena Mühlethaler, die Gesprächsleiterin Pfarrerin Jacqueline Sonego Mettner, Regierungsrätin Jacqueline Fehr und Theologieprofessor Matthias Zeindler (v.l.) auf der «Löwen»-Bühne. Foto: MAZ

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Allen Podiumsteilnehmern ist gemeinsam, dass sie positive Erfahrungen mit der reformierten Kirche gemacht haben – und viel von ihr erwarten. 

So betonte Regierungsrätin Fehr, die als Justizministerin zugleich auch Kirchenministerin unseres Kantons ist, gleich zu Beginn des Gsprächs, dass sie es sehr begrüsse, wenn sich die Kirchen – insbesondere die reformierte – deutlich zu gesellschaftsrelevanten Themen äusserten. Sie schätze generell den Austausch mit den Kirchen, denn es gelte, eine Sprache zu finden, um im Gespräch zwischen Gesellschaft und Religion erklären zu können, welche Werte uns wieso wichtig sind: «Die Auskunftsfähigkeit einer Gesellschaft ist gerade in Zeiten grosser Migrationen besonders wichtig.» Hier brauche es die reformierte Kirche, die für Werte wie Freiheit, Gleichheit und Selbstverantwortung einstehe.

Ein Ort von Freiheit und Leichtigkeit

Regisseur Stefan Haupt – er steht mitten in den Vorbereitungen für einen Spielfilm über Zwingli – beschrieb, wie er schon als Kind in Zürich die reformierte Kirche stets als Ort der Freiheit und der Leichtigkeit erlebt habe. Hier durfte man lachen und fröhlich sein. Und im Grossmünster habe er als Chorsänger manch schönes Oratorium singen dürfen. Er habe ihn deshalb überrascht, wie sehr mit Zwingli und dem zwinglianischen Zürich negative Begriffe verbunden seien. Im Film werde er darum bemüht sein, ein anderes Bild des Zürcher Reformators zu zeichnen.

Befreiung vom Leistungsdruck

Was denn die Haupterrungenschaft der Reformation sei, wurde Theologieprofessor Matthias Zeindler gefragt. «Mit der Reformation hat vor allem eine grosse Befreiungsgeschichte angefangen», sagte er. Vor der Reformation hätten die Menschen unter einem enormen Leistungsdruck gestanden. Es ging um die Rettung nach dem Tod. Um das ewige Heil erlangen zu können mussten sie Leistungen insbesondere finanzieller Art erbringen, konnten sich die Zeit im Fegefeuer damit verkürzen, waren sich aber bis zum Schluss nie ganz sicher, wie viel diese Leistungen wirklich bewirken würden. Von diesem Leistungsdruck habe die Reformation die Menschen befreit.

Heute wird der Mensch allein gelassen

Das Stichwort Leistungsgesellschaft wurde später erneut aufgenommen. Denn die Erfahrung des Leistungsdrucks sei uns heute doch ebenfalls nicht fremd. Worin denn der Unterschied zu damals bestehe, wurde gefragt. Professor Zeindler meinte, während die vorreformatorischen Menschen nicht sicher sein konnten, ob ihre Leistung mit Blick auf die Ewigkeit genügte, sind die Menschen heute verunsichert, ob ihre Leistungen denn für das Diesseits genügten. In der Multioptionsgesellschaft hat zwar grundsätzlich jeder Mensch die Möglichkeit, sein Leben frei und selbstbestimmt zu gestalten. Er wird dabei aber auch allein gelassen. 

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung

Im Unterschied zu den Lutheranern ist ein wesentliches Element der Geschichte der Reformierten in der Tradition von Zwingli und Calvin die Erfahrung von Flucht und Vertreibung. Damit war Verena Mühlethaler angesprochen. Als Pfarrerin der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich ist sie schon früh mit Flüchtlingen konfrontiert worden. Damit ist für sie die historische Erfahrung der Reformierten ganz konkret Gegenwart geworden. 

Sie stört sich daran, dass die offizielle reformierte Kirche ihrer Meinung nach zu wenig zu diesem Thema zu sagen hat und hat schliesslich mit anderen zusammen die «Migrationscharta» verfasst. Ihr Titel «Freie Niederlassung für alle: Willkommen in einer solidarischen Gesellschaft» sei dann sogleich als naiv und nicht umsetzbar abgetan worden. Aber ihnen sei es zunächst einmal um eine provokative Vision gegangen, um die Benennung eines Ziels, ohne bereits den Weg dorthin zu kennen. Mühlethaler unterstrich dann auch, dass die Erfahrung von Flucht und Exil nicht nur eine spezifisch reformierte Erfahrung sei. «Diese Erfahrung ist eine zutiefst biblische, und die müssen wir als Kirchen in den gesellschaftlichen Dialog einbringen.» 

Diskussionen beim Apéro

Die knapp 50 Anwesenden konnten ein interessantes Gespräch von Fachleuten mitverfolgen. Vielleicht auch deshalb, weil es keine Streitpunkte zwischen den Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmern  gab, wurde die anschliessende Fragerunde kaum genutzt. Bei einem Apéro im Gewölbekeller wurde dafür der Austausch bei Wein und Häppchen um so ausgiebiger fortgesetzt.

xeiro ag