AZ Meilen · Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Kaum eine Geschichte ist vertrauter als die Weihnachtsgeschichte: Ein Paar macht sich auf nach Bethlehem in die Stadt Davids. Dort kommt für die schwangere Maria die Zeit der Geburt. In eine Krippe muss das Kind gebettet werden, weil es keine Herberge hat in der Stadt.
Zur gleichen Zeit vernehmen Hirten die Botschaft der Engel: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden», und sie machen sich auf, um das Kind zu sehen und zu sagen, was sie über dieses Kind, den Retter, gehört haben. Maria bewegt die Worte in ihrem Herzen, und die Hirten kehren voll Freude zurück in die Nacht.
Später kommen drei weise und gelehrte Sterndeuter. Die suchen den neugeborenen König und finden ihn nicht im Palast. Ein Stern weist ihnen den Weg zum Kind, das in Armut geboren wurde. Ihm überlassen sie – hoch erfreut - ihre Gaben: Weihrauch, Gold und Myrrhe. Danach muss die Familie fliehen, um der Grausamkeit des angsterfüllten Machthabers zu entkommen. Erst nach vielen Jahren in der Fremde kehrt die Familie zurück nach Nazareth, wo das Kind zum Mann heranwächst.
Kein Platz für Gott
Kaum eine Geschichte ist verrückter als diese: Da werden zwei Niemande in einer entlegenen Provinz des römischen Reichs im gleichen Atemzug mit dem grossen Kaiser Augustus mit Namen genannt, Joseph und Maria. - Offenbar gibt es für Gott keine Niemande.
Da wird behauptet, dass Gott als Kind zur Welt kommt. Und dazu wird völlig lapidar in einem Nebensatz mitgeteilt, dass es für Gott in dieser Welt keine Herberge gibt. Die Plätze sind besetzt, mit Krims und Krams, mit Trallalla und Hopsassa, mit Sorgen und Angst, mit Gier und Neid, mit Eitelkeit und der Selbstgefälligkeit von Menschen, die alles schon wissen und haben – mit allem eben, was bei uns Menschen die besten Plätze im Herzen belegen kann. Schliesslich findet sich ein Platz, bei den Tieren – ausgerechnet –, wo wir doch bisher immer meinten, weit höher zu stehen als diese.
Welche Macht hat er noch?
Als Kind kommt er zur Welt: nackt, schreiend, hungrig und durstig, des Schutzes und der Liebe bedürftig- ganz wie wir, wenn wir es nicht vergessen. Welche Macht hat er noch, dieser Gott? Der ganz andere, welchen Glanz und welche Kraft bringt er so zu uns?
Neues Sehen
Unzählige Weihnachtslegenden erzählen davon, wie die Not dieses Kindes die härtesten Herzen öffnete und den Kern ihrer Menschlichkeit offenbarte. Sie wurden fähig, zu sehen. Sie sahen die Not Gottes in diesem Kind, sie sahen den Glanz Gottes in diesem Kind, und sie entdeckten sich selbst und sahen das Schaffell, das sie schenken konnten, das Lied, mit dem sie trösten konnten. Menschwerdung, ihre Menschwerdung wurde möglich durch die Menschwerdung Gottes. Welch Wunder also, und welche Macht im ohnmächtigen Kind!
Ein starkes Stück
Und dann waren es ausgerechnet die Hirten, welche als erste von dieser Rettung hörten.
Sie, die am Rande der Gesellschaft lebten, die als besitzlose und ungebildete Beauftragte der Herdenbesitzer verachtet waren. Frieden ist ihnen zugesagt und damit Teilhabe, Respekt, Anerkennung mit der Möglichkeit, zu lernen und sich einzubringen. Mit Ungestüm und Freude machen sie sich auf zum Kind in der Krippe.
Und noch verrückter wird es mit dem andern Teil der Geschichte. Dass die Weisen den Menschgewordenen nicht im Palast finden, sondern am Rande Bethlehems, erstaunt nach dem bisher Vernommenen nicht mehr. Aber dass dieser Gott fliehen muss und damit das Schicksal und die Not unzähliger Menschen bis heute kennt und teilt, das ist ein starkes Stück. Sollte diese Geschichte uns die Augen öffnen für das Schicksal gerade dieser Menschen, weltweit und in unserem Land?
Frieden auf Erden – gescheitert und beginnend
Ach, was soll uns diese verrückte Geschichte? Die Botschaft der Engel vom Frieden, der mit diesem Kind kommen und werden soll, hat sich ja doch nicht bewahrheitet!
In der Tat, dieser Einwand gegen das Christentum ist berechtigt.
Vielleicht aber haben wir uns bisher nicht zu sehr, sondern zu wenig auf die Botschaft des jüdischen Mannes aus Galiläa eingelassen. Vielleicht lohnt es sich, gerade an dieser Weihnacht neu hinzuhören und zu merken, dass der Friede, der kommen soll, gerade uns braucht, unsere Hoffnung, unseren Mut und unser Herz. Frohe Weihnachten!