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Wo bitte geht’s hier zum Chef?

Ochs und Esel gehören untrennbar zur Weihnachtsgeschichte – obwohl sie in keiner biblischen Weihnachtserzählung vorkommen. Aber seit es Krippendarstellungen gibt, sind auch die beiden auf dem Plan.
Die Hirten oder die Engel können fehlen, aber Ochs und Esel sind – zumal auf den frühen Darstellungen – immer anwesend. Sie sollen an einen Ausspruch des Propheten Jesaja erinnern, der einst seinem Volk vorgeworfen hat, dass selbst der Ochse wisse, wer sein Chef sei und jeder Esel den Futtertrog seines Herrn kenne, aber das Volk nicht begreife, wer denn sein Chef sei. Darum hat man seit frühester Zeit Ochs und Esel zur Krippe hinzugefügt. Sie bringen damit zum Ausdruck: Dieses Kind da in der Krippe, das ist unser Chef.
Und sie fragen zugleich den Betrachter, die Betrachterin: Weisst Du auch, dass das dein Chef ist? «Ich will ihn aber nicht zum Boss haben», protestierte in der letzten Stunde vor Weihnachten eine Konfirmandin. Und ihre Kollegin fragte: «Weshalb soll ausgerechnet dieser Jesus mein Chef sein?» Recht haben die beiden jungen Damen.
So darf man fragen, so soll man protestieren. Was aber, wenn dieser Jesus nun einfach mal unser Chef ist? Wer im Arbeitsprozess steht, weiss nur zu genau, dass man sich den Boss selten aussuchen kann. Zudem gehört es zur Grunderfahrung des Menschen, dass er sich nicht selber geschaffen hat. Ein anderer hat bewirkt, dass ich lebe. Wer aber ist das? Diese Frage hat die Menschen nie in Ruhe gelassen. Denn irgendwie spüren wir, dass der, der uns unser Leben gegeben hat, die Quelle des Lebens überhaupt ist. Er ist der Futtertrog, von dem wir alle leben. Und in der Begegnung mit dem kleinen Jesus in der Krippe haben Menschen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass er eben dieser Chef ist, die Quelle ihres Lebens.
Zudem ist Jesus ein Chef der anderen Art. Er war sich nicht zu schade, im einfachsten Stall zur Welt zu kommen. Ihm geht es nicht ums Herrschen. Dienen ist sein Programm. Das ist es denn auch, was den König Herodes so irritiert hat. Da kommen Weise aus dem Morgenland und fragen ihn, wo es denn hier zum Chef gehe. Sie geben ihm damit zu verstehen, dass – bei allem Respekt – er nicht der eigentliche Boss ist. Nicht jeder Chef erträgt diese Kunde!
Und die Hirten auf dem Felde haben erkannt, dass da im Stall ein Futtertrog der anderen Art zu finden ist. Einer, der Nahrung für ihre Seelen bereit hat. So sind die Weisen aus dem Morgenlande und die Hirten auf dem Felde zum Kind in der Krippe gezogen und haben damit zum Ausdruck gebracht, dass sie begriffen haben, was jeder Ochse und jeder Esel – und wohl auch jedes Kamel - schon lange weiss: Dass da in der Krippe Gott selbst, der Schöpfer des Lebens, zur Welt gekommen ist.
Ich wünsche uns allen, dass wir in den kommenden Weihnachtstagen den Weg zur Krippe finden und dann auch etwas davon spüren, dass in dieser Krippe Nahrung für unsere Seelen verborgen liegt. Und vielleicht können wir dann auch, zusammen mit Ochs, Esel, Kamel, Hirten und Weisen und noch vielen anderen einstimmen in die Liedstrophe Paul Gerhardts:


Ich sehe Dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär'
und meine Seel' ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!


Benjamin Stückelberger, Pfarrer


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