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Schwung holen für das nur scheinbar Unmögliche

Pfingsten – Zeit für einen neuen Geist

Vor einem Jahr war noch alles anders. Zwar war im US-amerikanischen Wahlkampf viel die Rede vom notwendigen Change, aber noch nicht im Kontext der Finanz- und darauf folgenden weltweiten Wirtschaftskrise. Unglaublich, was sich in diesem einen Jahr verändert hat und noch verändern wird. In welche Richtung verändert sich unsere Welt? Und konkreter: Wie verändern wir unsere Welt? Nehmen wir die Krise wahr auch als Zeit, um innezuhalten und die Weichen neu zu stellen? Jetzt kommt es darauf an, wirklich Abschied zu nehmen von einem Denken und Handeln, das Profitgier als Allgemeinwohl getarnt hat. Der Ruin, der daraus folgt, ist in allen Bereichen offensichtlich geworden. Was nun?

Geburtstag
An Pfingsten erinnern wir uns an den neuen Geist, der vor 2000 Jahren in die Welt gekommen ist. Damals wurde aus einer kleinen Schar von jüdischen Anhängern eines Rabbi aus Nazareth eine weltweite, bisherige Religionsgrenzen überwindende Gemeinschaft. Pfingsten ist darum der Geburtstag der Kirche. Allerdings ist auch diese längst wieder zu einer Institution geworden, in der es nicht immer leicht ist, die Weite des damaligen Geistes lebendig zu erhalten. Damals muss die Botschaft der ersten Christinnen und Christen etwas unmittelbar Überzeugendes und Einleuchtendes gehabt haben. Ein Geist, der den Menschen eine Tiefe und eine Perspektive für ihr Leben gegeben hat, muss da vorhanden gewesen sein. Ich glaube, dass es sich lohnt, heute nach diesem Geist zu fragen. Denn Menschen, die heute ihre Arbeit verlieren, merken, dass sie eine innere Substanz und Kraft brauchen, um in all den damit verbundenen Belastungen bestehen zu können. Auch Eltern, die ihren Kindern eine zukunftsfähige Welt übergeben wollen, merken, dass sie für sich selber und für ihre Kinder eine Hoffnung brauchen, die trägt.
 
Tröster-Geist und Anwalt des Lebens
Im Johannesevangelium wird berichtet, dass Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen einen Beistand schicken wird, einen Geist der Wahrheit, einen Tröster und Anwalt des Lebens, der ihnen hilft, in allen Dunkelheiten des Lebens der Liebe Gesicht und Hände zu geben. Oder anders gesagt: der ihnen die Kraft und den Mut geben würde, die Dinge wo nötig auf den Kopf zu stellen, bzw. das, was bisher verkehrt rum stand, wieder vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Diesen Geist bekam die kleine Schar von Jesus-Bewegten an Pfingsten und er gab ihnen die Kraft, die Botschaft von Jesus Christus in der ganzen Welt zu bezeugen und zu leben. Dabei ging es nicht darum, Menschen zu zwingen, an Jesus als Gottes Sohn und Messias zu glauben. Dieses Missverständnis hat zu viel Blutvergiessen und Hass in der Welt geführt. Es ging und geht darum, die Liebe Gottes, seine Verheissung von Frieden, gerechtem Teilen und erfülltem Leben vor und nach dem Tod, zu bezeugen und mit allen Grenzen und Fehlern daran zu arbeiten.

Raum für neue Menschlichkeit
«Christen sind Protestleute gegen den Tod» so hat es Christoph Blumhardt Ende des 19. Jahrhunderts, ebenfalls einer Zeit der wirtschaftlichen Umbrüche, gesagt. Wir haben jetzt die Chance, dem Geist von Pfingsten wieder Raum zu geben. Denn der Geist vom Streben nach individuellem Reichtum und Macht über andere hat sich als ruinös erwiesen. Zukunft hat der Geist, der von Gott her in unser Leben kommt und uns daran erinnert, dass wir füreinander und für die ganze Schöpfung verantwortlich sind und jeder und jede ein Teil von Gottes Geheimnis und Kraft ist.
Das ist vielleicht der innerste Kern vom Pfingstgeist: Es geht nicht zuerst um eine neue Moral, der wir zu folgen haben. Es geht um die Gewissheit, dass jeder und jede bedingungslos wichtig ist, Bedeutung hat und Aufmerksamkeit verdient. Sich darüber zu freuen ist das Herzstück des Glaubens. Dazu kommt im selben Atemzug des Herzens die Einsicht, dass jede und jeder auf je seine oder ihre Weise gebraucht wird in dieser Welt, eine Aufgabe hat und die Möglichkeit bekommen soll, diese Aufgabe zu gestalten.  In diesem  Geist verblasst das Heischen und Kreischen nach Aufmerksamkeit durch Erwerb und Besitz vom modisch Angesagten. Aber es stellt sich in aller Dringlichkeit die Frage, wie wir unsere Welt, unsere Erziehung, unsere Bildung, unsere Arbeitswelt, unser Leben mit Krankheit und Gebrechlichkeit so gestalten, dass Menschen überall ihre Talente einbringen und die Erfahrung machen können, Bedeutung zu haben für andere. Das ist die grosse Frage der Gerechtigkeit, die sich heute neu stellt.
Scheinbar unmöglich? Warum sollte der Geist von Pfingsten nicht auch heute in unsern Herzen das Verkehrte richtig stellen und uns helfen, unsere Welt fröhlicher und gerechter werden zu lassen?
Jacqueline Sonego Mettner, Pfarrerin



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