AZ Meilen · Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Bertold Brecht meinte 1934 in seinem Gedicht «Alfabet» zu Pfingsten Folgendes:
Pfingsten
sind die Geschenke am geringsten,
wogegen Geburtstag, Ostern und Weihnachten
etwas einbrachten.
Da hat sich Brecht getäuscht. Äusserlich bringt Pfingsten immerhin einen zusätzlichen freien Montag. Das ist in einer Zeit, wo der Leistungsdruck bei der Arbeit jährlich zunimmt, doch recht angenehm. Der eigentliche Gewinn dieses christlichen Festes ist wohl weniger anschaulich zu begreifen als das Kind in der Krippe zu Weihnachten. Die Geistesgegenwart Gottes und die Begeisterung der Menschen stehen aber mit Pfingsten in ganz persönlicher Beziehung. Symbole dafür sind der Wind und das Feuer. Sie stammen aus der Schilderung in Apostelgeschichte 2.Jene Erzählung berichtet davon, dass noch am fünfzigsten (griechisch: «pentekost», daher der Name Pfingsten) Tag nach Ostern die Jünger ängstlich beisammen waren: Die Freunde Jesu waren nämlich nach Karfreitag und Ostern in der Angst vor Verfolgung abgetaucht. Die Glaubensgewissheit der Auferstehung war an ihnen abgeperlt wie das Wasser an einer Ente. Da geschah es, dass Gottes Geist sie bewegte, so wie ein frischer Wind die schlaffen Segel bläht.Mit einem Feuer der Begeisterung und Zuversicht bekannten sie nun öffentlich ihre Glaubensgewissheit. Was sie verändert hatte: Sie waren Feuer und Flamme für den lebendigen Herrn. (Die bildende Kunst hat dieses innere Feuer äusserlich etwas merkwürdig eingeprägt: Die Jünger werden mit einer Flamme auf dem Kopf abgebildet.) Sie fühlten die Gegenwart Gottes. Seither bekannten und bekennen über zwei Milliarden Menschen, dass Gott nicht eine angestaubte, alte Sache und Jesus nicht nur jemand ist, der vor 2000 Jahren einmal lebte: Gott ist nicht in der Vergangenheit zu suchen, sondern im Heute zu entdecken.Auch im Jahr 2010 geht ohne den Geist bekanntlich unter den Menschen nichts. Die Geister sind profan geworden: Im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft werden Sportsgeist und Teamgeist beschworen. Wir kennen den Pioniergeist, Klassengeist…Seit Lindberghs «Spirit of St. Louis» gibt es ungezählte «Spirit of…». Aber die unheimlichen Geister sind auch da. An jene erinnert Johann Wolfgang von Goethe im «Zauberlehrling», der verzweifelt den Zaubermeister zu Hilfe ruft: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Bei uns sind es nicht wassertragende Besenstiele, sondern Sorgengeister, Gier und Angst und der Ungeist eines entfesselten Individualismus.Da wird es gut tun, sich für die Gegenwart Gottes zu öffnen. Gottes Geist ist nicht auf das Bethlehem, Nazareth oder Jerusalem von damals beschränkt, sondern als mächtige Kraft verändert er Menschen: ermutigt Verzagte, macht Traurige froh und Kranke gesund und versöhnt Zerstrittene und macht Mut, sich dem Leben neu mit der Perspektive von Glauben, Hoffnung und Liebe zu öffnen. Mathias Rissi, Pfarrer