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Ostern – Der Wissensvorsprung
Wissen ist Macht, so sagt man. Wer einen Wissensvorsprung hat, hat im Leben Vorteile. Aber welches Wissen macht einen Unterschied? Ist nicht die Erfahrung viel mächtiger als das belegbare, sichtbare Wissen?
Nehmen wir zum Beispiel das Ei. Das Hühnerei und noch mehr andere Vogeleier sehen einem Stein doch sehr ähnlich. Der blosse Augenschein gibt keinen Anlass, darin angehendes Leben zu vermuten. Aber wir wissen, dass dem so ist, weil es uns schon oft gesagt worden ist. Und vielleicht, weil wir es schon selber gesehen haben.
Oder schauen wir uns die Bäume an. Noch bis vor wenigen Tagen waren die Bäume kahl. Wie knöcherne Besen standen sie da, spröd und sperrig. Wer hätte bei ihrem Anblick je gedacht, dass sie einmal in grünem Laub gestanden sind oder je wieder grünen würden? Was unsere Augen da zu sehen bekommen, gibt jedenfalls keinen Anlass, auf ein neues Blühen zu hoffen. Aber wir wissen, dass dem so war und sein wird, weil wir es erlebt haben.
Wir wissen mehr, als offensichtlich vor Augen liegt. Ähnlich ist es Maria Magdalena am Ostermorgen ergangen. Damals gab es auch viel zu sehen. Das leere Grab zum Beispiel, ja sogar den auferstandenen Christus selber. Aber zuerst ging sie von einem Diebstahl des Leichnams aus, und dann glaubte sie, mit dem Gärtner zu reden. Erst als dieser sie beim Namen anredete, schenkte sie dem, was da an Ostern geschehen ist, Glauben.
Seither wissen wir, dass die Macht der Liebe ungleich stärker ist als der Tod. Wir wissen, dass über uns der Himmel offen steht. Seither wissen wir, dass eine lebenswerte Zukunft auf uns wartet. Anders gesagt: Seither wissen wir, dass sich selbst im toten Stein Leben regt. – Wir wüssten es zumindest, wenn wir dem Glauben schenken könnten, was in der Bibel bezeugt ist. Wir wüssten es, wenn wir uns wirklich der Kraft der Liebe anvertrauen könnten, wenn wir all den Menschen glaubten, die seither uns von dieser Macht in Wort und Musik uns berichtet haben. Wer’s glaubt wird selig? Wer’s glaubt ist selig! «Ich glaube nur, was ich sehe?» Von wegen! Wir sehen zum Beispiel tagtäglich die Folgen des Klimawandels. Aber wenn wir dem, was da geschieht wirklich glauben würden, hätten wir schon lange unseren Lebensstil grundlegend geändert. Ist es nicht so, dass wir vorallem an Dinge glauben, die wir nicht sehen? Oder haben Sie schon einmal Ihre Seele gesehen? Ein junges Paar zum Beispiel, das in ein gemeinsames Leben aufbricht, hat überhaupt nichts in Händen, das seine Zuversicht begründen würde. Im Gegenteil, was vor Augen liegt, spricht nicht selten eine andere Sprache. Aber das Paar weiss sich von einer Kraft getragen, die es mutig seinen Weg gehen lässt – unter Umständen gegen alles Wissen und gegen alle Erfahrung, aber voller Zuversicht.
Wo immer Menschen sich von dieser Kraft getragen wissen, ist Ostern. Da erleben wir den auferstandenen Christus. Denn da begegnet uns die Kraft, die selbst den Tod zu überwinden vermag. Ja, wer um die Macht der Liebe weiss, wer mit ihr ein Bündnis eingeht, der hat einen Wissensvorsprung. Man könnte es auch einen Lebensvorsprung nennen. Denn wir wissen um den uneinholbaren Vorsprung des Lebens vor dem Tod. Wir wissen unendlich viel mehr, als uns täglich vor Augen geführt wird. Und dieser Wissensvorsprung macht einen echten Unterschied. Denn dieses Wissen gibt dem Leben festen Boden, in guten wie in schlechten Zeiten. Die österliche Macht der Liebe ist zu allem fähig. Sie macht selbst einem Stein Beine…
Benjamin Stückelberger