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«Christus am Ölberg im Garten Getsemani» heisst dieses Bild von Andrea Mantegna, das um das Jahr 1455 entstanden ist.
Was soll hier der Hase? So weit ich weiss, wurde damals Ostern noch ganz ohne Osterhase gefeiert, und selbst wenn: Hier geht es nicht um Ostern, sondern um das Leiden von Jesus Christus. Die Szene im Garten Getsemani gehört für mich zu den eindrücklichsten Passagen vom Leben und Sterben Jesu, wie sie in den Evangelien berichtet werden.
«Und er nahm Petrus und Jakobus und Johannes mit sich und er begann zu zittern und zu zagen. Und er sagt zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt, bleibt hier und wacht!»
Derjenige, von dem wir als Christinnen und Christen sagen, er sei Gottes Sohn, dieser zittert und zagt, dieser ist «zu Tode betrübt», dieser bittet seine Freunde um Beistand.
Wo ist denn Gott? fragen wir heute. Wie kann Gott sein, wenn es so viel Elend gibt, so viel Not, so viel Ungerechtigkeit? Es gibt keinen Gott – diesen Schluss ziehen viele.
Im Garten Getsemani ist es Gott selber, der verzweifelt. Das bedeutet für unser Fragen nach Gott etwas Unerhörtes: Gott ist dort, wo Menschen leiden. Er selber trägt ihr Leiden mit. Und er bittet uns, so wie damals seine ihm nächsten Jünger, mit ihm auszuhalten, mit ihm zu beten und zu wachen. Gott zeigt sich hier als einer, der uns Menschen braucht. Bewegend auch das.
In die Tiefe
Die Fortsetzung ist realistisch: Die Jünger schaffen es nicht, wach zu bleiben. Jesus trifft sie dreimal schlafend an. Er selber betet, und die Evangelisten überliefern seine Worte so: «Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst.» Hier muss uns klar sein, dass niemand gehört hat, was Jesus gebetet hat. Diese Worte in den Evangelien sind Auslegung, sind Versuch der Späteren, das Unfassbare, dass nämlich der Messias Gottes, Gott selber, getötet wird, irgendwie als sinnvoll einzuordnen.
Was heisst hier sinnvoll? Ist Gott einer, der Leiden befürwortet, es gar will? Wer meint, es sei besonders christlich, Leiden, Not und Ungerechtigkeit demütig hinzunehmen und sich so gar in der Nachfolge Jesu Christi zu sehen, irrt. Dass Jesus offensichtlich der Verhaftung, der Folter und dem Tod am Kreuz nicht ausgewichen ist, wie es durchaus möglich gewesen wäre, das bedeutet nicht, dass all diese Dinge heute zu rechtfertigen sind. In Jesus Christus ist Gott in die tiefsten Tiefen herabgestiegen, nicht um das gutzuheissen, sondern um dort solidarisch zu sein.
Ohnmacht geteilt und überwunden
Er hat die Ohnmacht, das Ausgeliefertsein, geteilt – und überwunden. Der Tod, der Hass, die Angst, Demütigung und Ungerechtigkeit, sie tragen nicht den Sieg davon. Gott ist schliesslich doch stärker und grösser. Das feiern wir an Ostern, dem Fest der Auferstehung. Dort würde der Hase hingehören. Der Hase als starkes Lebenszeichen, ausgewählt und zum Symbol der Auferstehung gemacht. Müssten wir also dem Andrea Mantegna sagen, dass er völlig falsch liegt mit seinem Hasen mitten in Getsemani?
Oder vielleicht doch nicht? Mich berührt an diesem Teil der Passionsgeschichte noch etwas Weiteres: Jesus bittet seine Freude, mit ihm zu wachen. Sie vermögen es nicht. Es ist so grundmenschlich, dass sie das nicht schaffen, auch wenn sie es wollen.
Als Jesus sie zum dritten Mal schlafend antrifft, bittet er sie kein weiteres Mal, sondern sagt, sie sollen ruhig weiterschlafen und sich ausruhen. Darin zeigt sich für mich schon das, was Christen und Christinnen von Anfang an im Kreuz und der Auferstehung auch gesehen haben: Die völlige Hingabe von Gott in Jesus Christus bedeutet für uns Versöhnung mit Gott. Er braucht uns, wir sollen ihm beistehen – überall wo er leidet, bis heute. Es gelingt uns nur sehr teilweise, häufig schlafen wir ein; aber Gott hört deswegen nicht auf, uns zu lieben und uns auf seinen Weg der Liebe mitzunehmen. Diese Vergebung zeigt sich schon im Garten Getsemani, und darum gehört er doch hierher, der Hase.
Pfarrerin Jacqueline Sonego Mettner