AZ Meilen · Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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«Fürchtet euch nicht!»
«Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch eine grosse Freude.» Das war der zentrale Satz in meiner Rolle als Engel Gabriel im Krippenspiel der Primarschule. Seitdem fasziniert mich diese Geschichte.
Als Erwachsene spielen wir kaum mehr mit bei Krippenspielen, aber die meisten von uns stellen eine Krippe unter dem Christbaum auf. Was macht den Zauber dieser Krippen aus? Ich denke, es ist die Möglichkeit, uns selber in diese Geschichte vom Kind, von seinen erschöpften und doch glücklichen Eltern, von den Hirten, Engeln und Sterndeutern hineinzugeben. Wie sehen wir uns selbst? Bin ich eine Hirtin, die sich aus ihrem alltäglichen Trott aufrütteln lässt oder bin ich das Schaf, das weiterhin nur am Warenkorb Interesse zeigt?
Das Bild zeigt uns, was den Frauen, die diese Krippe in der reformierten Kirche in Meilen aufgestellt haben, wichtig ist. Mir fällt auf, dass sie nicht das klassische Herz der Weihnachtsgeschichte, die Anbetung des Kindes durch die Hirten, in die Mitte rückten, sondern die Szene davor: das Aufmerken der Hirten und Hirtinnen auf die Botschaft des Engels. Maria, Josef und das Kind sind zwar zu sehen, aber im Hintergrund, als wäre es noch offen, ob sich diese Menschen dann tatsächlich zu ihnen auf den Weg machen.
Und wie steht es mit uns?
Nehmen wir an, wir seien diese Hirten und Hirtinnen. Die Damaligen gehörten zwar zu den Menschen, die wir heute als «Randständige» bezeichnen. Dass gerade sie als erste die Botschaft des Engels zu hören bekamen, war eine ausserordentliche Würdigung und zeigte ihnen, dass sie nicht weniger bedeutsam waren als andere, die mehr auf sich hielten. Das sollte uns zu denken geben und uns doch nicht davon abhalten, zu fragen, was das Aufmerken auf den Engel für uns heissen könnte. Mit «uns» meine ich uns als gut situierte Bürger und Bürgerinnen, zahlungskräftige Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch als Berufsleute, die sich Sorgen machen um ihre Zukunft in einer sich wirtschaftlich verdüsternden Zeit. «Fürchtet euch nicht! Euch wurde heute der Retter geboren. Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden.»
Ein anderes Glück
Haben wir nicht angesichts der Finanzkrise mit all ihren Folgen die Chance zu merken, wo unser «Heil und Leben» liegt? Sind wir nicht ganz neu auf unsere und fremde Kinder verwiesen und auf das Glück, das im Miteinander und Füreinander von uns Menschen liegt? Unser Wirtschaften und unser Zusammenleben braucht global ein neues, menschliches Fundament. Der Engel Gabriel zeigte den Hirten dieses Fundament im Kind in der Futterkrippe. Ohne Angst sollten sie sich auf den Weg zu diesem Kind machen. Sie haben es getan und fanden das Leuchten und den Frieden Gottes. Machen wir es wie sie und vertrauen wir dem, was als Wirklichkeit von Gott her unserem Leben Tiefe und Sinn gibt, uns Freude schenkt und die Kraft, solidarisch zu sein.
Pfarrerin Jacqueline Sonego Mettner