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«Was man nicht aktiv pflegt, ist gefährdet»
Der diesjährige Redner zum 1. August-Fest in Meilen ist Historiker: Dr. phil. Hans Rudolf Fuhrer hat aber nicht nur zur Vergangenheit etwas zu sagen.
Hansruedi Fuhrer (67) wohnt mit seiner Familie seit bald dreissig Jahren in Meilen an der Juststrasse, heute im Zwei-Generationen-Haus mit einem grossen Garten für die drei Enkel. Er war bis vor kurzem Privatdozent für Militärgeschichte an der Militärakademie/ETHZ und an der Universität Zürich.
Herr Fuhrer, was waren Ihre Gedanken, als Gemeindepräsident Isler Sie anfragte, ob Sie Lust hätten, 2008 die Ansprache zum Nationalfeiertag zu halten?
Ich kenne Hans Isler von verschiedenen gemeinsamen Tätigkeiten und vom Militär her – wir sind beide Oberst –, aber ich war trotzdem überrascht. Vor allem aber freute mich die Anfrage, und ich sagte gerne zu. Es ist mir eine Ehre, und ich halte diese Rede auch für wichtig.
Sie sagten, die Ansprache ist wichtig. Weshalb?
Die Rede an der 1. August-Feier ist eine einmalige Gelegenheit, ganz unterschiedliche Menschen aus der Bevölkerung zu hören. Es ist nicht egal, wer spricht! Meilen macht das ganz geschickt; es kommen jedes Jahr andere Kreise zu Wort. Mal Junge, mal Politiker, und dieses Jahr vertrete ich den Kreis der Historiker, die geschichtliche Sicht.
Sie sind Historiker mit Schwerpunkt Militärgeschichte…
Richtig. Ich habe das Thema Neutralität der Schweiz gewählt. Wir kennen die bewaffnete Neutralität. Die Brücke zum Thema Militär und zur Sicherheitspolitik ist gegeben. Neutralität war für uns in unserer Geschichte eine zentrale Frage und ist es heute noch. Umfragen zeigen, dass in der Bevölkerung die Zustimmung zur Neutralität rund 90 Prozent beträgt. Aber verstehen auch alle unter Neutralität dasselbe? Ich möchte versuchen, den Begriff mit Sinn zu füllen. Es gibt so viele Beispiele in unserer Geschichte, Krisen und Kriege, in denen die Neutralität wichtig gewesen ist. Zurzeit beschäftige ich mich mit einem grossen Forschungsprojekt, das untersucht, was der Warschauer «Pakt» in den Jahren 1945 bis 1966 über die Schweizer Neutralität dachte. Wurde sie in den militärischen Planungen gegen Europa berücksichtigt, und wenn ja, wie? Die Antworten sind erstaunlich. Oder ein viel früheres Beispiel: Meine Forschungen zu Schweizern in Fremden Diensten und Ulrich Zwinglis Kampf gegen das sogenannte Reislaufen. Der Reformator hat beispielsweise die Zürcher Regierung überzeugt, 1521 das Bündnis mit Frankreich nicht abzuschliessen, da ein solches schädlich sei. Zürich hat als einziger Ort in der Eidgenossenschaft hundert Jahre den Alleingang gewählt und hat es gewagt, ein Sonderfall zu sein.
Sind Sie persönlich zuversichtlich, was die Zukunft der Schweizer Neutralität angeht?
Ganz allgemein gilt: Was man nicht aktiv pflegt, hat die Tendenz, in sich zusammenzubrechen, und so genannt selbstverständliche Errungenschaften laufen Gefahr, sinnentleert zu werden. Es hat mich beunruhigt, dass bei der Diskussion um die Revision der Bundesverfassung die Neutralität nie speziell thematisiert worden ist. Dabei ist und bleibt die aktive Neutralität der Schweiz unsere beste Interessenpolitik. Oft genug hat sie auch die Interessen der Nachbarn abgedeckt. Deshalb bin ich überzeugt, dass die aktive, bewaffnete Neutralität im Sinne einer Friedenspolitik auch im neuen Umfeld – Sie kennen die Frage «Wo ist denn der Feind? Wir sind nur noch von Freunden umzingelt» – sinnvoll ist.
Man hat den Eindruck, Sie könnten Ihre Ansprache aus dem Stegreif halten.
Sicher. Aber es soll auf keinen Fall damit enden, dass ich sagen muss: «Ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen.» Da gibt es noch einiges zu strukturieren und zu feilen, schliesslich gilt es darüber nachzudenken, was den Zuhörern am meisten bringt.
Wie verbringen Sie normalerweise den Nationalfeiertag?
Ich höre allgemein gerne Ansprachen, schaue aber schon darauf, wer spricht. Für einen guten Redner könnte ich auch mal ein Nachbardorf besuchen. In aller Regel sind wir aber in Meilen.
Haben Sie eine besonders tolle Ansprache noch im Gedächtnis?
Nein. Was ich besonders schön finde, ist eher die allgemeine festliche Stimmung. Dass man fähig ist, gemeinsam etwas zu feiern, trotz zunehmendem Individualismus. Typisch ist ja auch, dass man zu Fuss zum Festplatz geht. Das gefällt mir; man bewegt sich. Und wer sich physisch bewegt, lässt sich hoffentlich auch emotional bewegen.
(ka)