AZ Meilen · Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Was hat Meilen den Zöliakie-Betroffenen zu bieten?
Sie tragen ein maisgelbes T-Shirt mit dem «Glutenfrei»-Symbol der durchgestrichenen Ähre: Die Freiwilligen der Regionalgruppe Zürich der IG Zöliakie der Deutschen Schweiz (IGZ), die morgen entlang der Dorfstrasse Passanten über die häufig unerkannte Erkrankung Zöliakie informieren, bei der so alltägliche Nahrungsmittel wie Brot, Teigwaren und Gebäck krank machen.
Die Zöliakie besteht so lange wie Gluten aufgenommen wird, deshalb sind die Betroffenen lebenslang auf glutenfreie Spezialprodukte angewiesen (siehe Kasten Zöliakie). Mitgestaltet wird die Aktion von verschiedenen Meilemer Geschäften, so dass Interessierte auch einen Augenschein oder «Happen» vom Meilemer Angebot für Zöliakie-Betroffene nehmen können (siehe Kasten Standorte).
Enorme Symptomvielfalt
Wegen ihrer Symptomvielfalt kommt es bei der Zöliakie oft zu Fehlbehandlungen und auf eine diagnostizierte Person schätzt man mindestens zwei Personen mit unerkannter Zöliakie. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten. Mit 57 Jahren litt der Meilemer André Schneider trotz Sport und viel Schlaf an unerklärlicher Müdigkeit, hatte beim Joggen nach kurzer Zeit einen extrem hohen Puls. Er verlor Gewicht, hatte Schmerzen in der Speiseröhre, Magenbrennen, schmerzhafte Blähungen und Durchfall. Über ein Jahr lang war er bei verschiedenen Ärzten, bis ein Herzspezialist an Zöliakie dachte. Schneller ging es beim 14-jährigen Dominik Hügli aus Feldmeilen, dessen Vater und Tante väterlicherseits ebenfalls Zöliakie haben. Als der 8-Jährige mit Blähbauch und Bauchweh sich häufig energielos und krank fühlte, war der Verdacht auf Zöliakie innert zwei Wochen bestätigt. Der Primarlehrerin Simone Rusterholz aus Meilen fiel auf, dass sie oft angespannt war und wegen Kleinigkeiten schnell ungehalten reagierte. Vom ersten Schmerz im Unterleib bis zur Diagnose vergingen 8 Jahre. Oft sind zum Gluten zusätzliche Faktoren wie Infektionen oder Schwangerschaft als Auslöser der Zöliakie beteiligt. Bei der Schreiberin war es die Geburt des Sohnes. Doch erst 7 Jahre später wurde der eigentliche Grund für den gravierenden Eisen- und Vitaminmangel erkannt. Die Zeit nach der Umstellung auf glutenfreie Ernährung war wie ein neu geschenktes Leben!
Notwendige Therapie
Die glutenfreie Diät ist für Zöliakie-Betroffene keine Lifestyle-Angelegenheit, sondern die notwendige Therapie, um gesund zu werden und zu bleiben. Ihre korrekte Handhabung erfordert viel Wissen und Disziplin. Beim Einkaufen muss jede Deklaration genau gelesen und auf eine allfällige glutenhaltige Zutat geprüft werden. Gewähr bieten die kontrollierten Spezialprodukte mit dem Glutenfrei-Label. Das Handbuch der IGZ bietet den Betroffenen bei der Ernährungsumstellung wertvolle Hilfe. Anspruchsvoll bleibt die Verpflegung ausser Haus, besonders an offiziellen Anlässen und Kongressen, präzisiert André Schneider. «Zur glutenfreien Diät motiviert mich primär die Angst vor den Folgen bei Nichteinhalten», erklärt Simone Rusterholz. Das sind zum Beispiel ein erhöhtes Risiko für Darm- und Speiseröhrenkrebs oder Osteoporose. Den Verzicht auf Halbfertigprodukte, die in 70 % der Fälle Gluten als Hilfsstoff enthalten, sieht die junge Mutter als Chance, sich gesund zu ernähren. Davon profitiert auch Sohn Nicolas, der wie Dominik Hügli familiär ein höheres Risiko hat, Zöliakie zu bekommen und deshalb vorbeugend im ersten Lebensjahr glutenfrei ernährt wurde. «Ich halte die glutenfreie Diät in jeder Situation ein, aber es braucht dazu viel Eigenverantwortung und Kontrolle», bekräftigt Dominik, der vor einem Klassenlager mit den Köchen den Menüplan bespricht, auch als Schnupperlehrling und im Ausgang mit den Kollegen konsequent bleibt. Wichtig sind Unterstützung und Verständnis seitens der Familie und des Umfeldes. Darauf konnte André Schneider neben Hilfsmitteln wie Kochkurse und Brotbackmaschine zählen. Bei Familie Rusterholz wurde sofort «die Küche vom Gluten befreit». Bei Hüglis sind die selbst gebackenen Kuchen und Wähen glutenfrei und schmecken auch Dominiks Mutter und Schwester, die keine Zöliakie haben.
Glutenfreier Schmaus
Aufs glutenfreie Wienerschnitzel oder Vegi-Teigwarengericht am Samstagmittag im Restaurant Blumental freuen sich über 50 angemeldete Personen aus der Region. Der Betrieb ist auf der Liste der von der IGZ empfohlenen Gastronomiebetriebe. Wirt Heinz Tschemernegg scheut den Aufwand nicht, von Natur aus glutenfreie Nahrungsmittel und glutenfreie Ersatzmehle zu verwenden, die Verunreinigung mit glutenhaltigen Zutaten zu vermeiden und seine Mitarbeiter vom Chefkoch bis zum Servicepersonal zu instruieren. Dass viele weitere Betriebe dem Beispiel des Blumentals folgen mögen, ist den Zöliakie-Betroffenen ein Anliegen! Dazu kommt der Wunsch nach noch grösserer Produktevielfalt an mehr Verkaufspunkten sowie nach mehr Toleranz und Wissen in der Bevölkerung. Auf diese Ziele hin arbeitet die Regionalgruppe Zürich, die am 17. Mai im Blumental ihr Projekt eines Gastroführers «Glutenfrei essen» in Zürich und Region vorstellt.
Und die Anbieter in Meilen? Sie bekommen von den Befragten gute Noten. Als Anregung wurde die Idee einer regionalen Spezialbäckerei genannt und wäre zu diskutieren…
Regula Patscheider
Das Wesentliche über Zöliakie
Bei genetisch veranlagten Personen löst die Einnahme glutenhaltiger Nahrungsmittel eine Reaktion des Immunsystems gegen die eigene Dünndarmschleimhaut aus. Die Dünndarmzotten, welche die Nährstoffe aufnehmen, werden zerstört. Folgen sind Mangelernährung, Magen-Darm- oder vielerlei andere oder gar keine Symptome. Grund ist die Unverträglichkeit des Klebereiweisses Gluten, das in Getreiden wie Weizen, Gerste, Dinkel, Roggen und Hafer enthalten ist. Die Diagnose kann heute mittels Antikörper-Bluttest und Dünndarmgewebsprobe zuverlässig gestellt werden. Die bisher einzige Therapie ist eine lebenslange glutenfreie Ernährung. Von Natur aus glutenfrei sind Reis, Mais, Kartoffeln, Hirse, Buchweizen, Quinoa, Amaranth, Soja und Hülsenfrüchte, die als Ersatz für glutenhaltige Getreide verwendet werden. Mehr Info unter: www.zoeliakie.ch
Standorte Infoanlass 10 bis 12 Uhr
• Reformhaus Müller: Produktesdegustation + Infoposten
• Eingang Migros: Infoposten + Produktefenster in der Drehtür
• Schneider Optik + Akustik: Infoposten
• Vorplatz UBS-Gebäude: Infostand IGZ mit Wettbewerb
• Drogerie Roth: Infos über Schüssler-Mineralsalze usw.
• Volg Dorf: Basissortiment glutenfreie Produkte + Infoposten
• Glutenfreies Mittagessen um 12.30 Uhr im Restaurant Blumental