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Bett-Tag bei den fleissigen Schweizern?

Der Bet-Tag ist zwar nicht der Feier des Tiefschlafs gewidmet, ein Gute-Nacht-Gebet kann aber nie schaden.

Zu den Eigenschaften, die mich eigentlich zu einem vorbildlichen Meilemer machen, gehört meine innere Verbundenheit zur Migros (an meiner durchaus freundlichen Gesinnung gegenüber Volg, Coop und Co. soll natürlich nicht gezweifelt werden).
Diese Verbundenheit ist 1995 im Lauf meiner ersten vier Monate in der Schweiz gewachsen, als meine Frau und ich frisch verheiratet waren und ausserhalb von Bern wohnten. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Velo durch die Berner Innenstadt bis zur Migros- Clubschule, wo ich mich tapfer durch den Intensivkurs «Deutsch für Anfänger» kämpfte.
Allerdings gab sich unsere Lehrerin nicht damit zufrieden, uns die deutsche Sprache beizubringen – sie wollte mit uns auch die hiesigen Bräuche dechiffrieren und gab sich Mühe, typisch schweizerische Einstellungen, Gesetze und Feste zu erklären. In der Regel fanden wir ihre Erläuterungen sehr hilfreich und häufig einfacher zum Einordnen als die teutonische Grammatik.
Als sie uns aber eines Tages darüber informierte, der kommende Sonntag sei der Eidgenössische Bettag, waren wir verwirrt. Mein italienischer Kollege war besonders irritiert. «Bett-Tag?» wollte er wissen. Kaum vorstellbar. Gerade die Schweizer, die doch immer so fleissig sind – dass sie einen ganz Sonntag der Feier des Tiefschlafs widmen, könne er einfach nicht glauben.
Fast 20 Jahre später frage ich mich, ob er damit nicht zum Kern der Sache gekommen ist. Als Pfarrer bin ich natürlich froh um jeden, der sonntags (Bettag inklusive) nur so lange ausschläft, dass er noch in meinen Gottesdienst kommen kann. In diesem Sinne sollte der Bettag kaum ein reiner Bett-Tag sein. Zudem gibt es viele Gründe, als Schweizer wach zu bleiben, hellhörig zu werden für Dinge, die wir ernst nehmen müssen und sehr wohl vor Gott ins Gebet bringen sollten.
Anderseits: Dass wir einmal im Jahr diesen eidgenössischen Dank-, Buss-, und Bettag feiern, heisst, dass uns Themen wie Dankbarkeit, Veränderung («Buss-») und Gebet von Zeit zu Zeit neu beschäftigen sollten – und zwar in einer globalen Gesellschaft, die unheimlich stark auf Leistung, Effizienz und Konsum ausgerichtet ist. Unsere Produktivität soll immer steigen, unsere Läden sollen immer länger offen bleiben, und die Geldbeutel, die wir unter der Matratze versteckt haben, sollen immer dicker werden. Ich gehöre wohl auch zu jener Gesellschaft und profitiere selbstverständlich davon. Dennoch finde ich – als Mensch und als Christ und als Pfarrer – dass etwas weniger Leistungsdruck und etwas mehr Nachdenklichkeit uns gut täten. Den Weg zu unseren Mitmenschen, zu unserem Gott und zu uns selber bedingt eine innere Ruhe, die mir zumindest gar nicht so einfach fällt, und die entsprechend konsequent gepflegt werden will.
Ob der Bettag also zu einem Bett-Tag werden soll? Nun, ich habe auf jeden Fall vor, am nächsten Sonntag für den Gottesdienst meines Pfarrkollegen Daniel Eschmann aufzustehen. Dies aber eigentlich, weil meine eigene Seele dadurch zur Ruhe findet – und dadurch zu neuer Kraft, mich für die Zukunft meiner schweizerischen Wahlheimat einzusetzen.
Mike Gray, Pfarrer


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