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Sich dem Leben anvertrauen

Macht und Vergänglichkeit haben nicht das letzte Wort, sondern das Leben, auch wenn es schwächer und wehrloser erscheint.

Letzthin sass ich in der Zentralbibliothek vor dem Computer und suchte in der Datenbank nach einem Buch. Da ich den Einstieg nicht auf Anhieb fand, fragte ich meinen Nachbarn um Rat, und mit seinem Tipp kam ich weiter. Etwas später traf ich ihn wieder in der Kolonne vor der Ausleihe.
So entspann sich ein Gespräch, das sich, vom Titel meines Buches inspiriert, um das Thema Familie drehte. Nach längerem Gespräch fragte ich ihn, ob er denn auch Kinder habe, worauf er antwortete: «Nein, Kinder habe ich keine, und obwohl ich eine feste Partnerin habe, will ich auch keine. Mit Kindern ist man angebunden, und ich muss meine Unabhängigkeit geniessen, solange ich noch kann.» Bald darauf war er am Schalter angelangt und verabschiedete sich von mir.
Ich weiss nicht mehr allzuviel vom Gespräch, doch dieser Satz ist mir geblieben: «Geniessen solange ich noch kann.» In diesem Satz steckte eine Enge, die mir den Atem raubte. Wenn das ein 80-Jähriger sagt, kann ich vielleicht verstehen, was er meint. Mein Gesprächspartner war aber etwa 25, und trotzdem hörte ich zwischen den Zeilen ein deutliches «ich habe nicht viel Zeit, das Leben zu geniessen, bevor ich alt werde.»
Ich stelle mir vor, dass dieser Mann einen riesigen Stress hat, nicht nur im Beruf (er hatte einen angesehenen und gut bezahlten Job), sondern vor allem in der Freizeit. Er muss aus jedem Moment das Maximum herausholen. Gewinnmaximierung im Bereich der Sinnstiftung sozusagen. Wie schaffe ich das, aus jedem Moment die Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht herauszupressen?
Wer so getrieben ist von der Furcht, etwas zu verpassen, kann sich nicht mit Dingen aufhalten, die unangenehm sind oder auch nur scheinen. Er wird sich kaum erlauben, sich mit Menschen zu befassen, die gerade in einer Krise stecken, und er hat nicht einmal Zeit für Kinder. Fun muss her, aber subito, er muss aus jedem Moment möglichst viel Befriedigung holen, denn um die nächste Ecke wartet das Alter und der Tod. Der Apostel Paulus sagt dazu ganz lapidar: «Wenn es keine Auferstehung gibt, dann lasst uns essen und saufen; denn morgen sind wir tot!»
Für Paulus ist klar: Wenn die Auferstehungshoffnung fehlt, wenn man den Wert des Lebens beschränkt auf die Momente, in denen man Highlights erlebt, wird das Leben kurz und bedroht. Auf den ersten Blick erscheint es paradox: Obwohl man sich auf das Geniessen konzentriert, scheinen die Momente echter Lebensfreude immer seltener zu werden.
Unter der Oberfläche von Geschäftigkeit und Hektik liegt Schwermut und die Angst, trotz allen Genusses das eigentliche Leben zu verpassen. Das Gefühl, wir müssten dem Leben selber Sinn geben und wir seien ganz allein für das Gelingen verantwortlich, ist eine grosse Last.
Wie nötig haben wir da die Osterbotschaft von der Auferstehung. Und Auferstehungserfahrung bedeutet nicht einfach: Nach dem physischen Tod weiterleben. Sie bedeutet vor allem die Erfahrung, dass ich Lebenssinn nicht selber schaffen muss: Dass ich auch in Momenten, wo ich nicht vor Energie strotze, wo ich weder Phantasie noch feinsinnigen Humor bieten kann, getragen bin. Auferstehung bedeutet: Erfahren, dass Gott sogar aus Momenten, wo alles dunkel und sinnlos scheint, etwas Neues und Gutes machen kann, dass das Gelingen meines Lebens nicht davon abhängt, ob ich immer die richtigen Entscheidungen treffe und jeder Tag mir nur Gutes zu bieten hat.
An andern Orten scheinen die Menschen mehr von dieser Botschaft begriffen zu haben. Vielleicht hat es damit zu tun, dass dort die Ostererfahrung mehr im Lebensalltag verankert ist. Aus der Lebensfreude vieler Menschen, die ich in Afrika getroffen habe, leuchtet ein grosses Vertrauen: Das Leben trägt mich, ich kann mich ihm anvertrauen, sogar unter widrigen äusseren Umständen.
Ich vergesse nie den Augenblick, wo ich zum ersten Mal auf dem Boden des afrikanischen Kontinentes war. Das Flugzeug war in Nairobi zwischengelandet und stand auf dem Rollfeld. Es musste warten, weil noch kein Platz zum Andocken frei war. Und als ich zum Fenster hinausschaute, bot sich mir folgendes Bild: Etwa in 20 Metern Entfernung standen etliche leere Gepäckwägelchen mit einem Zugfahrzeug. Der Gepäcktransporteur musste warten, bis unser Flugzeug endlich bereit zum Entladen war. Aber er regte sich überhaupt nicht auf über die Warterei, wie einige Fluggäste. Er tanzte zu der Musik aus einem Kofferradio, mitten zwischen den Flugzeugen, einfach so für sich, und er störte sich nicht am Lärm und Gestank der Triebwerke rings um ihn. Er wirkte ungeheuer leicht und lebendig, trotz schweren Schuhen und Übergewand, und obwohl ich natürlich nichts hörte hinter der Scheibe, hatte ich das Gefühl, ich hörte die Musik.
Diese kleine Episode wurde für mich zu einem Sinnbild der Lebensfreude. Und sie enthält für mich die Botschaft: Auferstehung geschieht da, wo wir unseren Klammergriff um alle wichtigen Nichtigkeiten lockern. Vielleicht bekommen wir dann auch etwas von der Leichtigkeit dieses kenianischen Hilfsarbeiters auf dem Flughafen, wenn wir loslassen und darauf vertrauen, dass ein anderer für uns sorgt.
Fröhliche Ostern!
Pfarrer Daniel Eschmann

Hardmeier

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