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«Höher leben – tiefer leben»

Viele suchen Kraft und Licht in Kirchen – Pfingsten lädt dazu ein, das nicht nur ausserhalb der Gottesdienstzeiten zu tun.

Was passiert mit Ihnen, wenn Sie eine Kirche betreten? Ich kenne Momente, wo beim Eintreten in diesen andern Raum alles von mir abfällt. Eben noch war ich voller Geschwätz, und nun werde ich ruhig. Eben noch überlegte ich, was alles zu erledigen sei, und nun ist nichts davon. Nur Raum, Licht und eine ganz veränderte Aufmerksamkeit.
Die Mauern der Kirche haben die Aufgabe, der Welt draussen standzuhalten. So hat es mein Kollege Christoph Sigrist, Pfarrer im Zürcher Grossmünster, einmal gesagt. Und er erzählt von einer Architektin, welche auf die Frage, was eine Kirche für sie sei, sagte: «Kirche ist der Ort, wo ich nichts muss.» Frei atmen, anhalten, schauen, staunen, sich lösen vom ständigen Rechnen und Errechnen.
Viele Menschen gehen gern in Kirchen, in fremden Städten und in Bergdörfern und zu Konzerten. Viele Menschen zögern bei Gottesdiensten. Ich vermute, weil sie dann die Qualität vom «nichts müssen» nicht mehr wahrnehmen oder vermuten, dass diese dann nicht mehr vorhanden sei. Auf «Moralin» haben sie keine Lust. Oder sie haben schon die Erfahrung gemacht, dass das Erhabene, was sie in der Kirche suchen, zerredet wird. Da gehen sie lieber in die Natur.
Und doch, die Kirchen wurden und werden gebaut, nicht nur wegen der grossartigen Architektur zum Himmel hin, die unsere Wahrnehmung tiefer macht, und nicht nur für die Musik, sondern wegen des Wortes, das dort zu hören ist.
Als beim jüdischen Wochenfest sieben Wochen nach Ostern die Freunde von Jesus versammelt waren, kam der Geist von Gott her auf sie, und sie redeten so, dass auch Fremde mit andern Sprachen sie verstehen konnten. Der Geist von Pfingsten brachte ein Wort, das tröstete und klärte.
Nicht immer sind die Worte in den heutigen Kirchen klar und tröstlich. Aber nötig ist das Wort aus dem Heiligen Geist trotzdem; das Wort von der Liebe, die stärker ist als der Tod, das Wort vom Frieden, für den zu leben sich lohnt, das Wort vom Leben, das Geheimnis und Wunder ist auch in den Zeiten der genetischen Analysen.
Ich will nicht verzichten auf die Sprache und das Leben aus dem Geist Gottes. Denn hier werde ich angesprochen auf mein Mensch-Sein und meine Würde und Verantwortung als Mensch. Der Geist Gottes im gesprochenen und gelebten Wort der Kirche bezeugt mehr als grosse Gefühle oder Momente der Harmonie. Es geht um die Zusage, dass niemand ohne Bedeutung ist und Menschen solche sind, die das einander zeigen. Ja, es geht auch um Moral und um Einstehen für Recht und Gerechtigkeit, gerade auch dort, wo es uns Mühe macht, im Umgang mit den Fremden beispielsweise. Es geht um Trost. Ein Trost, der das Trostlose dieser Welt sieht und beklagt und dagegen aufbegehrt. Ein Trost, der von anderswo kommt, aus einer Wirklichkeit, die uns Menschen erhöht und bescheiden macht. Eine Wirklichkeit, die sich in den Kirchen zeigt, bei der stillen Einkehr und – so Gott will – auch im Wort und Geschehen vom Gottesdienst. Frohe Pfingsten.
(Der Titel stammt aus dem Gedicht «Nicht fertig werden» von Rose Ausländer.)
Pfarrerin Jacqueline Sonego Mettner

Hardmeier

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